Fehlt Sportlern die Medienkompetenz im Umgang mit Social Media?

Textquelle: tagesspiegel.de von Nicolas Diekmann, Fazit von Simon Franke

Lewis Hamilton, Ashley Cole, Robert Mak: Immer mehr Sportler nutzen die Internetplattform Twitter, dabei häufen sich die Skandale und Skandälchen. Schuld daran ist auch die fehlende Beratung und Medienkompetenz.

Vergangene Woche in England: John Terry wird vom englischen Fußballverband FA mit einer Geldstrafe belegt. Daraufhin beschimpft Nationalspieler Ashley Cole die Funktionäre der FA als „einen Haufen Deppen“. Anfang September in Belgien: Formel-1-Fahrer Lewis Hamilton zückt sein Smartphone, fotografiert die streng geheimen Telemetrie-Daten seines McLaren-Wagens und veröffentlicht das Foto im Internet.

Es sind zwei Beispiele, die in der Sportwelt Aufsehen erregten. Sie verbindet ein Kommunikationsmittel, das auch in Deutschland zunehmend an Popularität gewinnt: Twitter.

Timm Rotter, Journalist, Autor und Berater mit Schwerpunkt Social Media, unterrichtet Unternehmen im Umgang mit sozialen Netzwerken und hat einen Erklärungsansatz:

Den Sportlern fehlt die entsprechende Medienkompetenz. Viele sind nicht in der Lage einzuschätzen, was sie auslösen.

Twitter erweckt einen extrem privaten Anschein, ähnlich dem SMS-Schreiben, man spürt die Öffentlichkeit nicht. „Zudem ist es ein Überallmedium“, sagt Rotter. Das Smartphone sei schnell gezückt, die Nachricht schnell geschrieben und verschickt – „ehe darüber nachgedacht wurde.“

So auch geschehen am vergangenen Samstag in der Fußball-Bundesliga. Der Nürnberger Mittelfeldspieler Robert Mak wurde zur Halbzeit beim Spiel in Freiburg ausgewechselt. Kurze Zeit später kommentierte Mak diesen Vorgang bei Twitter mit den Worten „Ich hasse es. Verdammter Trainer!“ Alle Welt konnte seinen Unmut lesen. Zwar behauptete Mak anschließend, dass die Nachricht nicht von ihm gewesen sei, entschuldigte sich aber dennoch bei seinem Trainer Dieter Hecking. Dieser sagte zu dem Vorfall: „So geht es nicht. Es ist normal, dass im Fußballgeschäft auf den Trainer geschimpft wird. Aber er muss aufpassen, wo er es macht.“ Nun wird der Spieler zur Kasse gebeten.

Auch Thomas Pfeiffer unterrichtet Unternehmen im richtigen Umgang mit sozialen Netzwerken „Schon als Kind lernt man, nicht alles zu sagen, was man denkt. Für Twitter gilt das Gleiche“, sagt der Diplom-Pädagoge. Zudem sieht er ein Problem in der Beschaffenheit der Internetplattform selbst: „Twitter ist ein Netzwerk, das durch die begrenzte Zeichenzahl auf Zuspitzung und Pointierung ausgerichtet ist.“

In Deutschland nutzen monatlich inzwischen mehr als vier Millionen User die Twitter-Homepage. Für die berichtende wie interessierte Öffentlichkeit ist der neu entstandene Kommunikationskanal eine willkommene Abwechslung zu den immer gleichen Phrasen in Mixed Zones oder auf Pressekonferenzen. Coach Pfeiffer sagt: „Interviewsituationen sind etwas Künstliches. Da sitzt jemand vor dir, mit Aufnahmegerät und eventuell einer Kamera.“ Bei Twitter existieren diese Barrieren nicht. Durch das Medium werden viel eher die wahren Emotionen transportiert und verbreitet.

Das Vertwittern kann wirtschaftliche Folgen für Sportler und Vereine haben

Ein Extremfall ist die griechische Dreispringerin Paraskevi Papachristou. Unmittelbar vor den Olympischen Spielen in London twitterte sie einen rassistischen Kommentar zu in Griechenland lebenden Schwarzafrikanern. Sie wurde aus dem Kader der Mannschaft gestrichen.

Alexander Krause sieht hierin auch wirtschaftliche Probleme, nicht nur wie im Falle Mak aufgrund von Strafzahlungen an den Arbeitgeber: „So etwas schädigt den eigenen Marktwert.“ Krause ist Sponsoring-Experte beim Beratungsunternehmen Sport+Markt. Er sagt: „Arbeitgeber tun gut daran, ihre Spieler zu schulen. Der Deutsche Fußball-Bund hat Verhaltensregeln herausgegeben, das ist der richtige Weg.“ Der DFB ließ seine Spieler während der Europameisterschaft twittern, allerdings durften Interna wie die Aufstellung oder Verletzungen von Mitspielern nicht verbreitet werden. Spaniens Nationalspielern wurde indes zunächst ein Twitter-Verbot erteilt. Die Sperre wurde zwar wenige Tage später wieder aufgehoben, es gab Proteste aus dem spanischen Fanlager. Diese Anekdote zeigt allerdings, dass Vereine und Verbände mitunter noch einen stiefmütterlichen Umgang mit sozialen Netzwerken pflegen, selber noch nach einer einheitlichen Linie suchen.

Ashley Cole hat sich übrigens inzwischen bei der FA für seine verbale Entgleisung entschuldigt, dennoch hat der Verband eine Untersuchung des Vorfalls angeordnet – und zugleich einen Verhaltenskodex für seine Nationalspieler herausgegeben, vergleichbar mit jenem des DFB.

Lewis Hamilton hingegen scheint aus seinem Fauxpas wenig gelernt zu haben. Der Tweet mit dem Foto der brisanten Technik-Daten wurde zwar schnell gelöscht, zuvor aber tausendfach im Internet publiziert. Vergangenes Wochenende dann der nächste gezwitscherte Aussetzer: Hamilton beschwerte sich bei seinem Teamkollegen Jenson Button, da dieser ihm nicht bei Twitter folge. „Das ist schade. Nach drei Jahren als Teamkollegen dachte ich, dass wir einander respektieren, aber das tut er eindeutig nicht.“ Die Entschuldigung folgte prompt, aber da war die Nachricht schon in der Welt.

Fazit

Das Schulen von Sportlern für ein Leben vor der Kamera ist heutzutage Normalität. Sieht man sich die Entwicklung von z.B. Lukas Podolski oder Boris Becker an, so wird schnell klar, das professionelle Trainer mit Ihnen daran gearbeitet haben, wie sie vor der Kamera zu agieren und zu sprechen haben. Auch die Klitschkos wurden so zu Medienprofis, die es genau verstehen wie sie sich in der Öffentlichkeit verhalten müssen, um Ihr Image so zu gestalten wie sie es gerne hätten.
Die oben genannten Beispiele machen deutlich, dass eine Schulung von Sportlern im Bereich der sozialen Medien unabdingbar ist. Die Frage, die damit allerdings einhergeht ist, ob sich soziale Medien dann noch für die Sportfans auszahlen? Der Reiz von Twitter und Co. liegt nun mal darin, dass der Fan ungefilterte Aussagen seiner Idole erhält. Wenn nun allerdings nur noch Meldungen kommen, die wie aufgesetzt wirken, werden die Fans dann weiterhin folgen? Ein Fehler wäre es m.E. die Tweets und Einträge bei Facebook komplett über Agenturen laufen zu lassen (was bei einigen Sportlern der Fall ist). Damit geht ein Stück der Authentizität der Sportler verloren und seine oder ihre Accounts können an Reiz für Fans verlieren. Wie seht ihr das? Brauchen Sportler professionelle „Twitter-Beratung“? Und wenn ja, dann nur Beratung oder auch Steuerung? Oder vielleicht nichts von beidem?

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